Artikel vom April 2004

„Moritz und der liebe Gott“

Ganz zufällig – weil es draußen regnet – flüchtet Moritz in eine Kirche, nicht gerade der Ort, der ihm vertraut ist. Dort trifft er eine alte Frau, die ihn darauf hinweist, dass man die Kerzen, die man in einer Kirche entzündet, eigentlich auch bezahlen sollte. Aus der ersten Begegnung entwickelt sich eine Freundschaft und die Frau erzählt von ihrem persönlichen Verhältnis zu Gott. – Für Moritz ist das alles neu, er möchte gern mehr erfahren. Wie gut, dass es jetzt in der Bücherhalle eine neue junge Bibliothekarin gibt, die viel über die Geschichte des Christentums weiß – und unheimlich nett ist!

 

                        Folge 1                Folge 2                Folge 3                Folge 4                Folge 5

                        Folge 6                Folge 7                Folge 8                Folge 9                Folge 10

                        Folge 11              Folge 12              Folge 13              Folge 14              Folge 15

 

Der Autor Dr. Johann Hinrich Claussen ist Propst im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Alt-Hamburg und Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Universität Hamburg, studierte evangelische Theologie in Tübingen, Hamburg und London. Seit 1993 schreibt er regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und als Kolumnist in der WELT.

Das Buch „Moritz und der liebe Gott“ von Dr. Johann Hinrich Claussen ist im Deutschen Taschenbuch Verlag München erschienen und kostet Euro 7,50

  • 30. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 1. Folge

Moritz raste auf seinem Kickboard durch die Stadt. Er hatte kein Ziel. Nur weg von zu Hause! Heimlich hatte er sich davongestohlen. Schon vor einigen Tagen hatte es Mam angekündigt, jetzt war es so weit. Paps war gekommen, um die letzten Sachen abzuholen. Viel gab es nicht mehr von ihm in der Wohnung. Schon vor zwei Monaten war er ausgezogen. Aber einiges hatte er doch noch zurückgelassen: Bücher, Platten, Papiere und Kleidungsstücke.

Moritz hing an diesen Sachen. Sie waren wie ein heimliches Versprechen, dass alles wieder wie früher würde. Solange Paps’ Reste noch zu Hause waren, das Regal und die Schränke füllten, so lange gab es für Moritz noch Hoffnung. Um keinen Preis wollte er deshalb dabei sein, wenn sein Vater heute Nachmittag die letzten Dinge zusammensuchte und endgültig auszog.
Genau zur verabredeten Zeit, am frühen Nachmittag, war Moritz’ Vater mit großen Kartons unter dem Arm erschienen und gleich mit Mam in die Küche gegangen. Mam hatte geschimpft, Paps geschwiegen. Keiner hatte auf Moritz Acht gegeben. Und Anna, seine sechsjährige Schwester, hatte währenddessen seelenruhig in ihrem Zimmer die Puppen frisiert. Niemand hatte bemerkt, wie Moritz sich davonmachte, wie er auf Fußspitzen den Flur entlangging, sich sein Kickboard schnappte, vorsichtig die Tür öffnete, hinausschlüpfte und leise die Wohnungstür hinter sich zuzog.
Moritz wollte nicht dabei sein, wenn alles zu Ende ging. Er wollte nicht mit ansehen, wie Paps die Kartons auffaltete und seine Sachen hineinpackte, um für immer auszuziehen und nie mehr zurückzukehren. Für immer, nie mehr! Den ganzen Tag hatten sich diese Worte in Moritz’ Kopf gedreht. Für immer zu Ende, nie mehr wie früher! Es war, als ginge heute seine Kindheit zu Ende. Dreizehn Jahre war er jetzt alt, kein Kind mehr, doch noch lange kein Erwachsener. Aber seit heute gab es kein Zurück mehr. Exakt an diesem Nachmittag, in diesen Minuten, in dem Moment, als Paps zum letzten Mal die Wohnung betrat, war Moritz kein Kind mehr und alle Brücken waren abgebrochen. Für immer zu Ende, nie mehr wie früher!
Moritz war die Treppen ebenso schnell wie geräuschlos hinuntergejagt.

Dieses Mal hatte er auf das übliche „Treppenspiel“ verzichtet, das er und seine Schwester sonst nie ausließen, wenn sie aus dem Haus gingen. Beim „Treppenspiel“ ging es darum, mit möglichst wenigen Schritten vom dritten Stock, wo sie wohnten, ins Erdgeschoss zu kommen. Dazu hielt man sich am Geländer fest und nahm so viele Stufen auf einmal, wie man nur konnte. Moritz’ Rekord lag bei zwölf Sprüngen. Doch heute schlich Moritz das Treppenhaus wie ein Dieb hinunter: auf Zehenspitzen, mit angehaltenem Atem.

Unten angekommen hatte Moritz sein Kickboard aufgeklappt. Und los! Über Bürgersteige und Straßen, Kantsteine hoch und runter, links und rechts. Fußgänger sprangen erschrocken zur Seite und riefen ihm wütende Worte hinterher.

Moritz fuhr schon eine Weile. Er wollte, dass es zu Hause keinen Streit mehr gab. Er wollte, dass sein Vater wieder mit ihnen zusammen lebte. Beides gleichzeitig war unmöglich. Mam hatte es so oft zu erklären versucht. Aber er hatte es nicht begriffen. Er konnte es nicht begreifen, wollte es gar nicht. Er wollte nur, dass ihre Wohnung wieder ein Zuhause war. Die Wohnung hatte sich verändert, seit Paps nicht mehr mit ihnen lebte. Es war noch das alte Haus, dieselben Wände, Fenster und Zimmer. Die Möbel und Geräte standen noch an ihrem gewohnten Platz. Dennoch war nichts mehr wie früher. Etwas fehlte. Die Wohnung sah anders aus - dunkel, farblos. Sie klang anders – hohl, leer. Sie roch sogar anders – dumpf, muffig.

Das war nicht mehr sein Zuhause. Die fremd gewordene Wohnung war nicht zum Aushalten. Selbst in seinem eigenen Zimmer, nicht mal in seinem Bett konnte er länger bleiben als unbedingt nötig. Kaum nach der Schule zu Hause, hatte er schon das unbändige Verlangen, wieder hinaus zu laufen. Das Kickboard, das er zu Weihnachten bekommen hatte, war sein größter Schatz. Es brachte ihn weg von der Wohnung, dem Haus.
Moritz fuhr einfach ziellos durch die Nachbarschaft. Die Straße hinunter, am Supermarkt vorbei, an der Schule, am Bolzplatz, vorbei an den Häusern, in denen Freunde und Mitschüler wohnten.

Moritz wollte niemanden sehen, in kein bekanntes Gesicht schauen, nicht grüßen, auf keine Frage antworten, nichts erzählen, wofür ihm die Worte fehlten, nichts erklären, was er selbst nicht verstand. Er wollte nichts hören, was ihm doch nicht helfen konnte, keine aufmunternden Worte, keinen Trost, vor allem keine Ratschläge. Nichts hören, nichts sagen. Nur allein sein, niemanden kennen.

Vor allem nicht reden. Denn es hatte wieder angefangen. Es, das er schon ganz vergessen hatte. Plötzlich war es wieder da. Ohne Vorwarnung, mitten in der Deutschstunde vor drei Wochen. Seitdem war es immer wieder gekommen, hatte ihn gepackt, ihm die Brust verkrampft, den Atem genommen, die Kehle zugeschnürt, die Kontrolle über Zunge und Lippen genommen.

Er war sieben gewesen, als es das erste Mal gekommen war. Der Arzt hatte seiner Mutter erklärt, dass Moritz „poltere“. Nein, kein Stottern, bei dem man an einem einzelnen Konsonanten festhänge. Stottern sei wahrscheinlich genetisch bedingt, eine Erbanlage, darum sehr viel schwerer zu behandeln. Beim Poltern gebe es weitaus bessere Heilungschancen. Poltern habe seelische Gründe. Die letzte Zeit habe den Jungen wohl überfordert. Es sei alles ein wenig zu viel gewesen: Geburt der Schwester, Schulanfang.

Dabei hatte Moritz sich beides so sehr gewünscht: eine Schwester und endlich in die Schule gehen. Da seien ja auch die häufigen Dienstreisen des Vaters. Man dürfe sich also nicht wundern, wenn ein sensibler Junge so reagiere. Hatte der Arzt gesagt.
Natürlich hatten die Erklärungen Moritz nicht geholfen, wenn es passierte. Doch irgendwann hatte es sich von selbst gelegt, er konnte wieder ruhig und normal sprechen, war einfach wieder gesund geworden.

Aber jetzt war es zurück, viel stärker als damals. Plötzlich, mitten in der Deutschstunde, als er gerade etwas sagen wollte. Er bekam kein Wort heraus, nur immer wieder diese krampfhaft gepolterte Silbe „tatatatatat“. Als würde er eine Treppe hinunterfallen, „tatatatatat“. Als hätte ihm jemand von hinten die Beine weggeschlagen, „tatatatatat“. Kein Geländer, seine Hände griffen ins Leere und er fiel Stufe um Stufe, immer schneller, immer tiefer, fiel und fiel, „tatatatatat“. Er wusste nicht, warum. Er wusste nicht, was tun. Niemand fing ihn auf, „tatatatatat“.

Das falsche Sprechen bereitete ihm Schmerzen wie ein echter Sturz. Wenn es über ihn kam, wurde ihm heiß und er zuckte, der Kopf glühte rot. Er war gelähmt, starr vor Schreck. Zum Glück dauerte es nie lange. Nach einer halben Minute war es vorbei. Er hätte seinen Satz zu Ende sagen können. Aber die Lust war ihm vergangen. Er hatte dagestanden wie ein Baby, unfähig, ein schlichtes Wort herauszubringen. Lange musste er warten, bis die Spannung und die Scham ihn verließen.

Seit jener Deutschstunde kam es immer wieder. Er konnte nicht vorhersagen, wann. Zwei, drei Tage vergingen, an denen er ohne jede Stockung in freiem Fluss sprach. Dann, plötzlich und überraschend, begann es von neuem und warf ihn aus der Bahn: „Bababababab.“ Mitten in einem Gespräch mit seinen Freunden, am Telefon, beim Frühstück mit Anna und Mam, in der Schule, „bababababab“. Nichts ging mehr. Er hing fest. Er kam nicht heraus aus dem Poltern, „bababababab“.

Der einzige Ausweg: gar nicht mehr sprechen, nicht mit den Freunden, die peinlich zur Seite schauten, nicht mit den anderen in seiner Klasse, die plötzlich still wurden, ihn anstarrten oder kicherten. Nicht dass sie ihn offen geärgert hätten, aber die sprachlose Stille um ihn herum war genauso schlimm. Am besten also nichts mehr sagen, den Lehrern nicht antworten, die zwischen Mitleid und Ungeduld hin und her schwankten; Mam aus dem Weg gehen, die ihn mit ihrem sorgenvollen Blick quälte. Keiner konnte ihm helfen.

Nur manchmal bei Anna ging es ihm besser, weil sie ihn einfach ansah und wartete, bis es vorbei war. Vor ihr brauchte er sich nie zu schämen. Aber wirklich gut fühlte er sich nur auf seinem Kickboard. Wenn er durch die Gegend fuhr, lichteten sich die dunklen Gedankenwolken. Dann atmete er frei.

Am liebsten wäre er ganz und gar weggelaufen. Wenn nur Anna nicht gewesen wäre. Die könnte er nie zurücklassen. Und wenn er nicht selbst nur ein dreizehnjähriger Junge gewesen wäre.

 

2. Kapitel

 

Auf seinem Kickboard vergaß Moritz die Zeit. Wie lange war er schon unterwegs? Eine halbe Stunde oder schon zwei Stunden? Er trug keine Uhr, er fühlte keine Müdigkeit, keinen Hunger, keinen Durst.

Plötzlich fing es an zu regnen. Ein harter, kalter Märzregen. Aus übervollen schwarzen Wolken fielen dicke Tropfen herab. Dazu ein scharfer Wind. Der weckte Moritz. Jetzt erst fiel ihm auf, dass er nur seinen dicken Pullover trug, weder Mütze noch Jacke. Der Regen wurde stärker. Schwere, runde Tropfen trafen ihn an Kopf und Schultern. Ratlos fuhr er weiter.

Er suchte einen Unterschlupf. Aber als er sich umsah, merkte er, dass er hier noch nie gewesen war. Er fuhr an Häusern vorbei, in denen niemand wohnte, den er kannte, an fremden Geschäften, in denen er noch nie einkaufen war. Auch hatte er keinen Cent dabei. Das Portemonnaie steckte in seiner Jackentasche und die hing zu Hause an der Garderobe.

Eine Turmuhr schlug, fünfmal - merkwürdig leicht und hell. Ihr Klang passte nicht zu dem dunklen, unfreundlichen Wetter. Eine Kirche. Auch die hatte Moritz noch nie gesehen. Ein altes, mächtiges Gebäude mit einem hohen, massiven Turm, der nach oben zu immer schlanker und feiner wurde.

Die Kirche sah aus wie ein umgekipptes Schiff, wie eine altertümliche Kogge, die man an Land gezogen und kieloben gelegt hatte. Wind und Wetter mussten Jahrhunderte an der Kirche gearbeitet haben. Keiner der roten Backsteine saß mehr exakt auf dem andern. Die Mauern abgesackt und verschoben. Krumm und schief standen sie da. Auch Dach und Fenster verzogen. Man sah der Kirche ihr Alter an. Trotzdem wirkte sie nicht baufällig. Kein Sturm würde sie so leicht umwerfen können. Sie strahlte Ruhe aus.

Moritz sah, dass die große Eingangstür am Fuß des Turms offen stand. Der Regen wurde heftiger, der Wind lauter. Moritz fuhr in die Kirche, weil er fror, weil er Schutz suchte, weil er neugierig war.

  • 29. April 2004
  • Ausgabe
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 2. Folge

Er rollte durch einen hohen, kalten Vorraum. Er stieß eine dicke, schwere Zwischentür aus Holz und Glas auf und gelangte in den Kirchraum. Hier war es dunkel. Durch die riesigen bunten Glasfenster kam nur wenig Licht. Moritz musste sich erst an das Halbdunkel gewöhnen. Und an die Luft, die eigentümlich roch - feucht, kühl und alt, aber nicht unangenehm.

Die Kirche war anders als die, die es in seiner Nachbarschaft gab. Zwei, drei Jahre musste es her sein, dass er mit seinen Eltern dort hatte hingehen müssen, weil Anna mit ihrer Kindergartengruppe etwas vorsingen sollte. Die Kirche war wie eine Schulaula oder eine bestuhlte Turnhalle gewesen: ein kahles weißes Gebäude, ein nackter Kirchraum, der nur aus leeren Wänden zu bestehen schien. Alles gerade und eckig. Nichts, was man hätte anschauen mögen.

Aber hier gab es viel zu schauen. Moritz wusste nicht, womit er diese Kirche vergleichen sollte. Sie war nicht wie die Gebäude, die er sonst kannte: die Wohnhäuser, Schulen und Geschäfte. Er fuhr durch den Kirchraum wie durch eine andere Welt.

Still war es hier, sonderbar still. Die Geräusche der Straße waren draußen vor der Tür geblieben. Nur ein fernes Rauschen drang herein - wie von Wellen am Meer. Dazu das leise, gleichmäßige Trommeln des Regens auf Dach und Fenstern. Alles, was draußen war, schien unendlich weit weg.

Moritz hörte seinen Atem, der schnell ging, genau wie sein Herz. Er merkte jetzt, wie lange er herumgefahren war.

Er war allein. Moritz atmete auf. Er hatte einen trockenen, sicheren Ort gefunden.
Wie groß die Kirche war! Er musste den Kopf ganz nach hinten legen, um die hohe Decke zu sehen. Da hingen kleine goldene Sterne in den Kuppeln. Weit weg und doch zum Greifen nah. Mächtige, massige Säulen trugen die Decke. Sie waren ebenso wie die Wände aus rotem Backstein, der warm und dunkel leuchtete.

Die Kirche war so groß, dass Moritz sich vor den gewaltigen Säulen und Mauern wie eine Ameise vorkam. Die Decke so hoch, so unerreichbar über ihm wie der Nachthimmel. Trotzdem fühlte sich Moritz nicht eingeschüchtert oder erdrückt.

Langsam fuhr er über den Boden aus dicken, langen Steinplatten. Das Kickboard ruckelte. Er wurde müde und setzte sich auf eine Bank, ganz an den Rand. Die Bank knarrte, als er sich hinsetzte. Moritz schaute sich die Glasfenster an. Viel konnte er nicht erkennen. Er entdeckte keine klaren Bilder, die er verstanden hätte. Die Glasfenster waren modern und abstrakt. Moritz gefielen einige der Farben: das dunkle Blau, das bei diesem schlechten Wetter fast schwarz wirkte, das tiefe Rot, das trotz der Dunkelheit zu glühen schien. Hier herrschte ein anderes Licht. Alles war in dunkel leuchtende Farben gehüllt. Alles, was von außen kam, wurde durch sie gefiltert und gebrochen. Die Farben erschienen ihm fast wie ein Schutz.
Moritz horchte in die Stille. Er spürte, wie sich seine Aufregung allmählich legte. Dafür kam eine große Erschöpfung über ihn. Am liebsten hätte er sich auf die Bank gelegt und wäre eingeschlafen. Doch die Fahrerei hatte ihn ins Schwitzen gebracht.

Er begann zu frösteln. Ich muss mich bewegen, sagte er sich, stellte sich wieder auf sein Board und rollte langsam durch die Kirche. Er machte eine große Runde - vorbei an den vielen leeren Bänken. Er fuhr zwischen den Säulen hindurch, die ihm vorkamen wie Riesen aus einer längst versunkenen Märchenwelt, vorbei an dunklen Bildern in goldenen Rahmen, an Statuen und Figuren, die er nicht kannte.

In einem Winkel entdeckte er einen breiten gusseisernen Kerzenständer vor einem großen goldenen Relief. Einige heruntergebrannte Kerzen flackerten und zischten leise. Unter dem Ständer war ein Kasten, der dünne weiße Kerzen enthielt. Darauf stand ein Schild: „Entzünden Sie eine Kerze für jede Bitte.“ Moritz blieb stehen und überlegte. Dann nahm er vier Kerzen aus dem Kasten: eine für Anna, eine für Paps, eine für Mam und eine für sich. Er zündete sie an und setzte sie vorsichtig auf den Kerzenständer. Schön sahen sie aus, wie sie da nebeneinander standen und gemeinsam brannten, friedlich und versöhnlich. Moritz starrte eine ganze Weile in die vier Flammen. Nur vier kleine Kerzen, trotzdem erhellten sie einen weiten Raum. Sie tauchten Moritz und alles, was um ihn herum war, in ein warmes, gutes Licht. Moritz sah in die vier Flammen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken. Er ließ sie einfach brennen: für sich, für Anna und für seine Eltern. Jetzt fror er nicht mehr.

Es verstrich einige Zeit. Dann veränderte sich auf einmal das Licht. Es wurde heller in der Kirche. Aus einem hohen Fenster fiel ein kräftiger grüner Lichtfleck direkt vor Moritz’ Füße. Der weckte ihn aus seiner Stille. Draußen hatte es aufgehört zu regnen und die Sonne war wieder hervorgekommen.

Bestimmt hatte Paps inzwischen die Wohnung geräumt und war wieder fort. Moritz musste nach Hause. Es würde sonst endlose Diskussionen geben. Außerdem meldete sich sein Magen. Er hatte Hunger.

Gerade wollte er um die große Säule herumfahren, da stand auf einmal eine alte Frau mit einem Gehwagen vor ihm. Moritz erschrak. Sie wären zusammengestoßen, wenn Moritz nicht im letzten Moment den Lenker herumgerissen hätte. Er verlor das Gleichgewicht, stolperte vom Kickboard. Auch die alte Frau zuckte ungeschickt zurück.

„Junge! Hier fährt man doch nicht Roller!“, rief sie erschrocken.

Sie sagte es nicht böse oder scharf, trotzdem ärgerte sich Moritz. Dass man nirgends ungestört und für sich sein konnte! Er war sich so sicher gewesen, allein zu sein. Jetzt fühlte er sich ertappt.

„Das ist kein Roller. Das ist ein Kickboard“, gab er patzig zurück.

Die Alte kam einen Schritt näher. Sie hatte sich schon wieder beruhigt.

„Oh, entschuldige bitte. Ich hatte gedacht, dass ich hier ganz allein bin. Du hast mich erschreckt!“

Sie kam noch einen Schritt näher und beugte sich vor, um das Board anzuschauen, das Moritz vom Boden hob.

„Tatsächlich, das sieht anders aus als die Roller, die wir als Kinder hatten. Na, nichts für ungut! Ich rollere ja auch mit meinem Gehwagen durch die Kirche.“
Sie blickte ihn an, als wolle sie sich mit ihm ein wenig unterhalten. Dazu hatte Moritz keine Lust. Ohne ein Wort zu sagen, lenkte er sein Kickboard um die Frau und ihren Gehwagen herum und wollte sich gerade davonmachen, da rief sie ihm nach: „Du hast die Kerzen noch nicht bezahlt.“

Moritz hielt an und drehte sich verdutzt um. Was war los?

„Hast du nicht gelesen, was auf dem Schild steht?“

Eigentlich hätte Moritz jetzt wütend werden müssen. Normalerweise hätte er der Alten eine bissige Antwort gegeben. Aber irgendetwas hielt ihn zurück. Es war nicht die Angst, dass er poltern und sich lächerlich machen würde. Daran dachte er im Moment gar nicht. Es war etwas anderes, etwas, das er noch nicht verstand. Er merkte nur, dass er höflich blieb und zurückging, um sich das Schild am Kerzenständer anzusehen.
Groß stand da: „Entzünden Sie eine Kerze für jede Bitte.“ Und in kleinen Buchstaben darunter: „Bitte geben Sie für jede Kerze fünfzig Cent.“

Er wurde rot. „Aber ich hab kein Geld dabei.“

Die Alte sah ihm durch ihre dicken Brillengläser ins Gesicht und lächelte.
„Macht nichts. Weißt du was? Ich bezahl die Kerzen für dich. So viel Kleingeld habe ich gerade noch.“

Jetzt wurde es peinlich. Dass die Alte nicht locker ließ! Dass sie ihn nicht gehen ließ! Noch dazu mit einer Freundlichkeit, mit der er nichts anzufangen wusste. Er brauchte ihre Freundlichkeit nicht, nicht ihr Lächeln, schon gar nicht ihr Geld. Er wollte nicht, dass sie ihm aushalf.

„Nein, das brauchen Sie nicht!“

Aber sie zückte in aller Ruhe ein Portemonnaie, kramte zwei Euro hervor und steckte sie in den Kasten. Moritz wusste nicht, ob er sich ärgern oder schämen sollte.
„Ich gebe es Ihnen wieder.“

Seine Stimme klang grob.

Die Alte schien es nicht zu merken und lächelte ihn an.

„Sie kriegen das Geld zurück. Morgen!“

Moritz wandte sich ab. Er wollte so schnell wie möglich weg. Wieder fuhr er los, wieder kam er nur ein paar Meter weit. Dann fiel ihm ein, dass er gar nicht wusste, wo sie wohnte.

„Wohnen Sie hier?“, rief er zurück.

„Nein, doch nicht in der Kiche. Ich habe ein Zimmer im Altenheim hinter dem Kirchplatz. Erster Stock. Zimmer 115. Du kannst mich ja mal besuchen.“
„Und wie heißen Sie?“

„Elisabeth Schmidt. Und du? Hast du auch einen Namen?“

„Moritz.“

„Auf Wiedersehen, Moritz.“

Aber Moritz war schon am Ausgang.

 

3. Kapitel

 

Moritz ging die alte Frau nicht aus dem Kopf. Irgendwie erinnerte sie ihn an - er wusste es nicht. Während er nach Hause fuhr, grübelte er darüber nach. Dass es ihm nicht einfiel, machte ihn nervös. Es war wie ein leichter Schmerz, den man nicht orten kann, wie eine juckende Stelle, die man nicht erreicht, wie ein Geschmack auf der Zunge, den man nicht bestimmen kann. An der alten Frau war nichts Auffälliges gewesen. Eine alte Frau eben: graue Haare, gebeugte Haltung, unscheinbare Kleidung, hellbrauner Mantel, helle, feste Schuhe, ein Gehwagen. Doch in ihrem Gesicht, in ihren Augen lag etwas, das ihm bekannt vorkam, vertraut, aber in seinem Gedächtnis verschüttet.

Er rollte langsamer, gleichmäßiger stieß er sich vom Boden ab, dabei legte er vor seinem inneren Auge dieses Gesicht auseinander und setzte es Stück für Stück wieder zusammen. Allmählich entstand ein Bild, es bildete sich etwas, das er gut kannte. Fast erschrak er, dass er es hatte vergessen können. Es waren die Augen seiner Großmutter: der kleinen Oma.

An ihr Lächeln, an ihre Augen, an die Art, wie sie ihn immer angesehen hatte, erinnerte ihn die fremde Frau in der Kirche. Dabei musste sie deutlich älter sein als die kleine Oma. Auch hatte sie ein ganz anderes Gesicht. Aber der Blick war der gleiche. Merkwürdig, dass zwei Menschen, ein lebender und ein toter, sich darin so ähnlich sein konnten.

Merkwürdig auch, dass er seine kleine Oma so völlig vergessen hatte. Drei Jahre war sie erst tot und er lebte, als hätte es sie nie gegeben.
Er war immer gern bei ihr gewesen. So winzig die Zimmer in ihrer Wohnung waren, so unendlich viel gab es bei ihr für ein Kind zu entdecken. Überall standen seltsame Dinge herum, die man anfassen, drehen und wenden musste, weil sie eine lange Geschichte besaßen: tausend Kasten und Kästen mit alten Münzen, Medaillen, Briefmarken, Fotos und Postkarten.

  • 28. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 3. Folge

So winzig die Zimmer in Großmutters Wohnung waren, so unendlich viel gab es bei ihr für ein Kind zu entdecken. Überall standen seltsame Dinge herum, die man anfassen, drehen und wenden musste, weil sie eine lange Geschichte besaßen: tausend Kasten und Kästen mit alten Münzen, Medaillen, Briefmarken, Fotos und Postkarten, lange Pfeifen der Urgroßväter aus Elfenbein, schwere Glaskugeln mit bunten Figuren, tausend Sachen, die jede für sich ein Geheimnis enthielten. An allen Wänden hingen Bilder, die sich Moritz lange anschaute. Und es gab Kisten mit uralten Bilderbüchern und Spielsachen, mit denen schon sein Vater gespielt hatte. An all das erinnerte sich Moritz jetzt wieder - und an die Augen der kleinen Oma, ihre kleinen, blitzenden Augen.

Moritz war an seiner Haustür angekommen. Er schloss auf, klappte das Kickboard zusammen und ging müde die Treppe hinauf. Er wusste, dass er am nächsten Tag ein Versprechen einlösen würde.

Am folgenden Nachmittag erledigte Moritz seine Hausaufgaben noch hastiger als sonst. Er wollte los. Zielstrebig fuhr er zur alten Kirche. Diesmal kam ihm die Fahrt überraschend kurz vor.

Das Altenheim war leicht zu finden. Es lag gleich hinter der Kirche: ein großes, vierstöckiges Gebäude aus hellem rotem Backstein. Vor dem Eingang wurde Moritz auf einmal mulmig. Er kannte Altenheime nur aus dem Fernsehen. Aber er gab sich einen Ruck.

Eine erste Schiebetür öffnete sich. Moritz fuhr in einen Windfang. Gleich hinter der Tür saß eine Frau im Rollstuhl.

„Guten Tag“, sagte die Frau, ohne ihn anzuschauen.

„Guten Tag“, antwortete Moritz. „Wo finde ich denn Zimmer 115?“

„Guten Tag“, sagte die Frau.

Moritz stutzte.

„Ich will zu Frau Schmidt. Wissen Sie, wo ihr Zimmer ist?“

„Guten Tag“, sagte die Frau. Sie sah ihn immer noch nicht an.

Moritz zögerte einen Moment. Dann sagte er selber noch mal: „Guten Tag“, und rollte durch eine zweite Schiebetür in einen langen Flur. Hinter seinem Rücken sagte die Frau im Rollstuhl ein letztes leises: „Guten Tag“ - wie ein fernes Echo.

Im Flur roch es nach Krankenhaus, frisch gebohnerten Böden und Desinfektionsmitteln. Daran änderten auch die beiden großen, vertrockneten Blumensträuße nichts, die in hohen Vasen neben dem Eingang standen.

Links entdeckte Moritz das Treppenhaus. Er klemmte sich sein Board unter den Arm und ging hinauf. Um in den ersten Stock zu kommen, musste er eine kleine Gittertür öffnen. „Fast wie bei Anna“, wunderte er sich. Als seine Schwester noch kleiner gewesen war, hatten seine Eltern eine ähnliche Sicherung vor der Treppe angebracht.
Er ließ die Gittertür hinter sich zufallen. Rechts sah er einen großen Saal. An vielen kleinen Tischen saßen alte Frauen, die meisten in Rollstühlen. Viele ganz in sich zusammengesunken. Manche schliefen. Einige murmelten, summten, husteten oder scharrten mit den Füßen. Andere nuckelten ungeschickt an ihren Schnabeltassen. An einer Wand hing ein Fernseher. Eine Nachmittags-Talkshow lief. An der anderen Wand plärrte ein Radio deutsche Schlager. Eine Frau schrie und stöhnte. Eine andere hatte sich mit ihrem Gehwagen zwischen zwei Stühlen verhakt. „Schwester!“, rief sie. „Schwester!“

Moritz sah und hörte das alles, es machte ihn nervös. Er fuhr einen breiten Flur entlang. Plötzlich kam aus einem Zimmer eine dicke Schwester.

„He, hier ist Rollerfahren verboten!“

„Das ist kein Roller, sondern ein Kickboard“, antwortete Moritz. Er hielt an. „Ich will zu Frau Schmidt, Zimmer 115. Wo ist das?“

„Du willst Frau Schmidt besuchen?“ Die dicke Schwester wurde freundlich. „Das wird sie freuen. Ihr Zimmer ist ganz am Ende des Flurs. Aber fahr langsam mit deinem Roller.“

„Kickboard“, verbesserte Moritz und fuhr weiter.

„Das ist aber eine Überraschung!“, begrüßte ihn Frau Schmidt.

„Wieso Überraschung? Ich hab doch gesagt, ich komme. Ich muss Ihnen ja die zwei Euro wiedergeben.“

„Ach ja“, antwortete Frau Schmidt, „die hätte ich fast vergessen. Schön, dass du da bist. Und was für eine schicke Frisur du hast!“
Moritz hatte sich seine braunen Haare am Morgen mit Gel hochgekämmt. Wie ein Stecknadelheer zeigten die Haare nach oben. Verlegen strich er sich über den Kopf.

„Hier also wohne ich“, sagte Frau Schmidt, richtete sich in ihrem Sessel auf und zeigte ihm mit einer weiten Handbewegung das kleine Zimmer. Sie saß vor dem Fenster auf einem Sessel, vor sich ein kleines Tischchen, neben sich ein Krankenhausbett. An der anderen Wand stand ein zweites Bett. Darin lag eine Frau. Sie war so fest zugedeckt, dass nur ihr Kopf unter der Bettdecke herausschaute. Ihre Augen waren geschlossen, der Mund stand weit offen.

„Das ist meine Zimmernachbarin, Frau Sperling. Geh ruhig zu ihr und sag ihr Guten Tag.“

„Aber sie schläft doch.“

„Sie hat nur die Augen geschlossen. Wenn sie schläft, schnarcht sie.“
Moritz ging zum anderen Bett. „Guten Tag“, sagte er zögernd.

Frau Sperling öffnete langsam die Augen und schloss den zahnlosen Mund. Sie sah uralt aus. „Guten Tag, mein Junge“, antwortete sie kaum hörbar und schloss die Augen wieder.

„Komm“, sagte Frau Schmidt, „setz dich auf mein Bett. Ich habe leider keinen zweiten Stuhl.“

„Warum hat sie denn die Augen zu, wenn sie gar nicht schlafen will?“

„Frau Sperling ist sehr alt, noch älter als ich. Fast hundert Jahre. Und sehr müde. Was soll sie sich immer nur die Zimmerdecke anschauen? Aufstehen kann sie schon lange nicht mehr. Aber wenn sie die Augen schließt, kann sie besser an früher denken und in ihren Erinnerungen spazieren gehen.“

„Spazieren gehen?“ Moritz fand diesen Ausdruck komisch.

„Ja, wie in einem alten, vertrauten Garten. Erinnerungen sind das Letzte, was uns hier geblieben ist.“

Frau Schmidt machte eine kurze Pause.

„Wir beide kommen ganz gut miteinander aus. Nur dass ich mich nicht mit ihr unterhalten kann, ist wirklich schade. Da lebt man zusammen in einem Zimmer und kann gar nichts miteinander anfangen. Das ist ein bisschen traurig.“

Frau Schmidt nahm einen Schluck Tee aus einem Plastikbecher.

„Wie hat dir unsere Kirche gefallen?“

„Die muss uralt sein. Ich war noch nie in so einer alten Kirche.“

„Ich mag alte Sachen und alte Gebäude. Alte Kirchen mag ich besonders. Vielleicht weil ich selbst so alt bin.“

„Wie alt sind Sie denn?“

„Wie alt bist du?“, fragte Frau Schmidt zurück.

„Dreizehn.“

„Dann bin ich“, sie rechnete einen Moment, „genau siebenmal so alt wie du.“
Moritz überlegte. Er war ziemlich schlecht im Kopfrechnen.

„91!“, half ihm Frau Schmidt.

„Das ist wirklich alt“, entfuhr es Moritz. Sofort verbesserte er sich: „Entschuldigung, so habe ich das nicht gemeint.“

„Macht nichts. Ich hätte mir das auch nicht träumen lassen, dass ich mal so alt werde. Manchmal wundere ich mich selbst, dass es mich noch gibt. Aber alte Gebäude und alte Sachen, die haben etwas Besonderes. Früher, in meiner Wohnung, hatte ich viele alte Möbel, Bilder, Erinnerungsstücke und Bücher. Als ich hierher kam, musste ich fast alles zurücklassen. Dafür sei hier kein Platz, hat man mir gesagt. Ich weiß ja: Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen. Aber es tut doch weh, weil so viel von meinem Leben an ihnen hing.“

„Haben Sie gar nichts mehr von früher?“, fragte Moritz.

„O doch“, antwortete Frau Schmidt. „Und daran freue ich mich ganz besonders. Das eine ist das Bild, das über deinem Kopf hängt. Es ist das Erbstück einer Großtante.“

Moritz drehte sich um und sah sich das kleine Ölbild an: eine Nachtlandschaft, ein ruhiger See, von Bäumen eingefasst, alles lag still und dunkel da, nur über das Wasser lief ein silberner Mondstrahl.

„So ein Bild hatte meine Großmutter auch. Bei ihr gab es im Wohnzimmer eine ganze Wand mit Bildern. Die meisten hatte mein Urgroßvater gemalt. Eines davon sah ganz ähnlich aus. Aber es zeigte keinen See, sondern einen Vulkan im Mondlicht. Gleich daneben, das weiß ich noch, hing ein gleich großes Bild, das denselben Vulkan am Tag zeigte. Gerade als er ausbricht und Lava in den Himmel schleudert. Als kleines Kind habe ich mich vor dem Bild immer gegruselt. Ich weiß gar nicht, was nach dem Tod meiner Großmutter aus den Bildern geworden ist.“

„Wann ist deine Großmutter denn gestorben?“
Vor drei Jahren.“

„Ist sie alt geworden?“
Moritz musste einen Moment nachdenken. „Ihr genaues Alter weiß ich gar nicht. Obwohl, ihren 70. Geburtstag haben wir noch gefeiert. Daran erinnere ich mich. Bald danach war sie tot.“

Frau Schmidt rechnete wieder. „Dann war sie wohl Jahrgang ‘29 oder ‘30. Da hätte ich fast ihre Mutter oder Tante sein können. Hast du sie gern gehabt?“

„Schon, sehr.“ Moritz räusperte sich und wechselte das Thema. „Wenn ich nur wüsste, wo die Bilder geblieben sind.“

„Hängen sie nicht bei euch zu Hause?“
Moritz schüttelte den Kopf.

„Was ist denn bei euch der älteste Gegenstand?“
Moritz zuckte die Schultern.

„Bei uns ist fast alles neu.“

Frau Schmidt beugte sich zurück und holte mit beiden Händen ein altes, großes Buch vor, das auf dem Tisch hinter einer Vase gelegen hatte.

„Das zweite, was ich gerettet habe, ist meine Familienbibel. Du kannst sie dir ruhig ansehen.“

Moritz nahm die Bibel in die Hand. Sie wog schwer. Der Einband aus schwarzem Leder löste sich an den Rändern schon auf. Das alte Leder war rissig und porös. Auf dem Deckel war in goldenen Buchstaben „Die Heilige Schrift“ eingeprägt.

„Wie alt ist die?“, fragte Moritz.

„Fast zweihundert Jahre. Sie hat die ganze Geschichte meiner Familie begleitet. Mein Ururururgroßvater hat sie gekauft. Schlag mal auf. Auf den ersten Seiten kannst du lauter handschriftliche Einträge sehen.“

„Was ist denn das für eine Schrift? Das kann ja kein Mensch lesen.“

„Das ist Sütterlin, die alte deutsche Handschrift. Ich les es dir vor. Es beginnt mit einem Vers: ‘Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.’ Und dann folgen viele Familiennachrichten. Wann welches Kind geboren und getauft wurde, wer die Paten waren, wann Konfirmation gefeiert und geheiratet wurde. Und die Todesfälle stehen auch da.“Frau Schmidt blätterte etwas vor.

  • 27. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen

Moritz und der liebe Gott – 4. Folge

Hier, das sind sehr traurige Seiten. Der Erste Weltkrieg - ein Mann nach dem andern ist gefallen, die Väter, die Ehemänner und Brüder.“ Sie blätterte etwas zurück.

„Und hier stehe ich: ›Am 24. März 1910 wurde uns eine gesunde Tochter geboren. Sie wurde getauft von Pastor Schomerus am 14. April und erhielt den Namen Elisabeth Margot Julie Gruber. Ihre Gevattern waren die Tante Marie Mestern, geborene Baasch, und die Großmutter Elisabeth Dose, geborene Brandt. ›Meine Zeit steht in deinen Händen. (Psalm 31, 16)‹.“

Frau Schmidt blätterte die Bibel weiter auf.

„Kannst du die alte Frakturschrift lesen?“
Moritz beugte sich über die leicht vergilbten Seiten, kniff die Augen zu, aber er konnte nichts entziffern.

„Ist so eine alte Bibel viel wert?“, fragte er.

„In Geld fast nichts. Aber für mich ist sie unbezahlbar. Das ganze Leben begleitet sie mich schon. Die Geschichte meiner Familie steht darin. Sie ist das Einzige, was ich auf der Flucht gerettet habe.“

„Auf welcher Flucht?“

„Wir mussten fliehen, am Ende des Zweiten Weltkriegs. Unsere Heimat war weit im Osten, in Ostpreußen. Als die Russen kamen, mussten wir fort. Es war Winter und wir konnten nur mitnehmen, was wir am Körper trugen. Wir zogen zusammen los, meine Mutter, meine ältere Schwester, ihre Kinder und ich. Die Männer waren im Krieg. Wochenlang durch die Kälte, meistens zu Fuß und mit Handwagen. Ich schob einen Kinderwagen. Da lag mein kleiner Neffe drin. Dem habe ich die Familienbibel in sein Körbchen unter die Decke gelegt. So habe ich sie gerettet.“
„Haben Sie keine eigenen Kinder?“

„Nein, Kinder habe ich nicht. Ich hatte spät geheiratet, 1939, da kam schon der Krieg und mein Mann wurde sofort eingezogen. Er ist gleich in den ersten Tagen gefallen. Es ging alles so schnell.“

„Aber nach dem Krieg hätten Sie doch wieder heiraten können.“

„Nach dem Krieg gab es kaum noch Männer. Da bin ich allein geblieben.“

Frau Schmidt räusperte sich und wechselte das Thema: „Und ihr, habt ihr keine Bibel zu Hause?“

Moritz musste an die Bücher seines Vaters denken, die seit gestern nicht mehr da waren, und an die leeren Regale im Wohnzimmer. Er schüttelte den Kopf und versuchte über etwas anderes zu reden.

„Haben Sie Ihre Bibel von vorn bis hinten durchgelesen?“

„Nein, von der ersten bis zur letzten Seite nicht. Aber ich kenne sehr viele Geschichten.“

„Und wovon handeln die?“

„Hast du das nicht im Religionsunterricht gelernt?“

„Haben wir nicht.“

Frau Schmidt wunderte sich: „Für mich war der Religionsunterricht das schönste Fach. In der Volksschule hatten wir einen alten Lehrer, der sagte immer: ›Ohne den Glauben wärt ihr wie das liebe Vieh.‹ Wir haben darüber gelacht. Aber ganz Unrecht hatte er nicht. Wir sind auf dem Land wirklich wie das wilde Vieh aufgewachsen. Ohne Schuhe und Strümpfe sind wir im Sommer zur Schule gegangen. Und nach der Schule mussten wir oft die Kühe, Hühner und Schweine versorgen. ›Ohne den Glauben wärt ihr wie das liebe Vieh.‹ Er hat uns viel beigebracht, viele Sprüche und viele Lieder. Und Geschichten hat er uns erzählt. Davon konnten wir damals nicht genug bekommen. So etwas gibt es bei dir auf der Schule wohl nicht?“

Moritz hatte keine Lust, über die Schule zu sprechen: „Und wozu braucht man eine Kirche?“

Frau Schmidt musste überlegen.

„Das ist eine gute Frage. Wozu braucht man eine Kirche? Man braucht sie, um an Gott zu denken. Natürlich kann man überall an Gott denken, zu Hause, auf der Straße, in der Schule, bei der Arbeit, selbst hier im Heim. Aber es ist gut, einen Ort zu haben, an dem man sich konzentrieren kann. Der ruhig ist, damit einen nichts ablenkt und man zu sich selbst kommt. Denn nur wenn man zu sich selbst kommt, kann man auch zu Gott kommen. Dafür gibt es die Kirche. Unsere Kirche hier ist so ein besonderer Ort. Manchmal, wenn ich allein dort sitze und alles so still ist, denke ich, sie ist ein Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren.“

Frau Schmidt trank noch einen Schluck Tee.

„Dazu gibt es eine Geschichte aus der Bibel. Für mich ist sie eine der schönsten überhaupt. Ich erzähl sie dir. Du hast doch noch Zeit?“

Moritz nickte.

„Die Geschichte erzählt von Jakob. Jakob lebte vor ewigen Zeiten in Israel. Er war ein junger Mann auf der Flucht. Er hatte seinen Vater betrogen und seinen großen Bruder bestohlen. Warum? Das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls, der Bruder war entsetzlich zornig und wollte sich rächen. Er hatte geschworen, Jakob zu töten. Schnell, ohne sich noch einmal umzusehen, musste Jakob alles zurücklassen: seine Familie, seine Freunde, sein Zuhause, sein Heimatland.

Ohne Ziel rennt er los. Von nun an ist er vogelfrei. Er gehört nirgends mehr hin. Jakob rennt. Er rennt den ganzen Tag, durch Steppe und Wüste. Nur weg von seinem zornigen Bruder! Er rennt hinein in die Nacht.

Kein Licht leuchtet, kein Mond, keine Sterne. Jakob sieht den Weg nicht mehr. Er ist erschöpft und müde. Er kann nicht mehr. Er will nur noch schlafen. Er legt sich auf den nackten Boden. Da er kein Kissen hat, legt er sich einen Stein unter den Kopf. So schläft er ein.

Er beginnt zu träumen. Im Traum sieht er eine große Leiter. Ihr Fuß steht gleich neben seinem Kopf. Die Leiter reicht hoch hinauf. Mit ihrer Spitze berührt sie die Tür des Himmels. Und die steht weit offen. Unten ist es finster. Aber oben ist alles hell erleuchtet. Engel kommen auf der Leiter herab. Andere Engel schweben die Leiter wieder hinauf. Und oben steht Gott.

Und Gott sagt im Traum zu Jakob: ›Ich bin der Gott deines Vaters und deines Großvaters. Hab keine Angst. Ich gehe mit dir deinen Weg. Wohin du auch gehst, ich bin bei dir. Du sollst nicht mehr lange herumirren, sondern eine neue Heimat finden, ein Zuhause für alle Zeit. Das Land, auf dem du jetzt liegst, will ich dir geben. Du sollst viele Kinder haben und mit ihnen hier, in deiner Heimat, leben. Jakob, ich will dich segnen und du sollst für andere ein Segen sein.‹

Da wacht Jakob aus seinem Traum auf. Es ist wieder finstere Nacht. Die Leiter ist verschwunden, der Himmel verschlossen. Kein Licht leuchtet mehr. Und Jakob fürchtet sich. Voller Schrecken ruft er in die Finsternis: ›Hier wohnt Gott und ich wusste es nicht! Hier ist Gottes Haus! Hier ist die Tür des Himmels!‹ Dann legt er sich wieder hin und fällt in einen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen erhebt er sich früh, richtet den Stein auf, auf den er seinen Kopf gelegt hat, und macht daraus einen Altar. Und er schwört: ›Wenn ich wiederkomme, will ich hier ein Gotteshaus bauen.‹ Dann eilt er los in den Morgen hinein. Er hat jetzt keine Angst mehr.“

Moritz hatte ruhig dagesessen, aber richtig zugehört hatte er nicht. Denn die Geschichte und vor allem die Art, wie die alte Frau sie erzählte, hatten ihn an etwas erinnert: Wie er früher neben der kleinen Oma auf dem Sofa gesessen und sie ihm aus einer alten Kinderbibel vorgelesen hatte. Wahrscheinlich auch diese Geschichte, obwohl er sich nicht daran erinnern konnte. Aber er sah die Bilder wieder vor sich: grobe, einfach gemalte Figuren, die dennoch einen starken Ausdruck besaßen, dunkle, wie mit dicken Buntstiften gemalte Landschaften, die trotzdem leuchteten. Ihm kam sogar wieder ein Geschmack auf die Zunge: der Geschmack von Honigbrot. Wenn die kleine Oma vorlas, gab sie ihm immer einen Teller auf den Schoß. Und darauf lagen große Schnitten Honigbrot, dick mit Butter bestrichen. Der Geschmack und diese Erinnerungen taten ihm gut. Darum ließ er sich die Geschichte von Frau Schmidt gefallen, obwohl er eigentlich längst aus dem Alter heraus zu sein glaubte. Geschichtenerzählen - das war eher etwas für Anna.

Bei der kleinen Oma war es immer einen Tick zu warm gewesen. Sie hatte die Heizung voll aufgedreht, weil sie so leicht fror. Von der Wärme war er jedes Mal müde geworden. Manchmal war er mitten in einer Geschichte an der Seite der kleinen Oma eingeschlafen. Auch hier, im Zimmer von Frau Schmidt, war es zu warm. Moritz musste gähnen.

„Wer hat die Geschichte geschrieben?“, fragte er.

„Sie steht gleich am Anfang der Bibel. Aber wer genau sie geschrieben hat, kann ich dir nicht sagen. Damit kenne ich mich nicht aus. Ich kenne nur die Geschichte.“
Moritz schaute auf die Uhr.

„Schon spät. Ich muss los. Ich hab meiner kleinen Schwester ein Eis versprochen.“
„Das ist nett von dir.“

„Anna war heute Mittag so traurig. Da hab ich ihr gesagt, das ich mit ihr in die Eisdiele gehe.“

„Dann wirst du heute Abend ja zwei gute Taten vollbracht haben.“

„Wie bitte?“

„Schon gut“, winkte Frau Schmidt ab. „Beeil dich, deine Schwester wartet auf dich!“
Moritz stand auf und ging zur Tür. Dann drehte er sich noch mal um: „Jetzt werde ich auch schon vergesslich. Ich wollte Ihnen doch die zwei Euro zurückgeben.“
„Ach, weißt du was? Du könntest mir einen größeren Gefallen tun. Ich meine, wenn du mal Zeit übrig hast und mich wieder besuchst, könntest du mir eine Tafel Schokolade mitbringen. Hier in der Nähe ist kein Laden. Außerdem kontrollieren mich die Schwestern. Ich darf nichts Süßes essen. Aber eine Sünde muss der Mensch doch haben, sonst ist er einfach kein Mensch mehr. Ein bisschen Schokolade - in meinem Alter, was soll die mir noch schaden? Wenn du von dem Geld eine Tafel Bitterschokolade kaufst, das wäre nett. Und wenn etwas übrig bleibt, kaufst du deiner kleinen Schwester noch eine Extrakugel Eis.“

„Gut“, sagte Moritz. „Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen, Moritz. Und vielen Dank für den schönen Tag!“

 

4. Kapitel

 

Moritz hatte schon beim Aufstehen gewusst, dies würde nicht sein Tag werden. Er hatte schlecht geschlafen und so dumm und wirr geträumt, dass er ganz erschöpft und verschwitzt war, als er viel zu spät aufwachte. Schlapp hatte er sich aus der Bettdecke herausgeschält, war ins kalte Badezimmer geschlurft, und als er in den Spiegel sah, war ihm sofort klar gewesen, heute würde alles gegen ihn laufen. Es gibt solche Tage. Sie kommen, aber niemand kann einem sagen, aus welchem Grund und zu welchem Zweck.

Hektisch hatte ihn Mam zum Frühstück und kurz darauf aus dem Haus getrieben. „Beeil dich! Nun mach schon! Wo hast du bloß deinen Kopf?“

  • 26. April 2004
  • von Johann Hinrich Claussen