• 11. März 2010
  • Ausgabe 10/2010

Ende der Märchenstunde

frankfurt – Kathrin Hartmann hat ein wütendes Buch über so genannte Lohas und Lifestyle-Ökos geschrieben: Besserverdienende, die qualitätsbewusst einkaufen und glauben, so die Welt verbessern zu können. Im Interview mit Henrik Schmitz erklärt sie, warum der Lebensstil der Lohas alles andere als ökologisch und gerecht ist.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“. Was muss ich mir den unter einem Lohas vorstellen?

Kathrin Hartmann: Lohas ist die Abkürzung für Lifestyle of Health and Sustainability. Es geht also um einen Lebensstil, der Gesundheit und Nachhaltigkeit miteinander vereinbaren möchte. Lohas sind in der Regel Menschen, die auf Ästhetik und Luxus großen Wert legen, aber trotzdem ein gutes Gewissen haben möchten. Sie verzichten nicht auf Konsum, aber sie konsumieren – aus ihrer Sicht – unter ethischen Aspekten, kaufen also zum Beispiel im Biomarkt ein.

Was wäre also ein klassischer Lohas?

Man würde einen Lohas vielleicht daran erkennen, dass er unter einem Heizpilz sitzt und dort Biorindersteak aus Argentinien isst. Oder er fährt mit seinem Hybrid-Porsche vor den Biomarkt und lädt bei laufendem Motor Bionade-Kisten in den Kofferraum.

Welche Märchenstunde erzählen uns denn die Lohas mit ihrem Lebensstil?

Das Märchen, das die Lifestyle-Ökos und Lohas erzählen, ist, dass man die Welt, die durch schlechten Konsum böse geworden ist, durch guten Konsum wieder gut machen kann. Die Lohas glauben nicht, dass man die Welt durch politisches Engagement verändert, sondern allein dadurch, dass möglichst viele Menschen bessere Produkte kaufen. Sie nennen das „Demokratie an der Einkaufskasse“. Ein Märchen ist das deshalb, weil es nie funktionieren kann. Der Lohas-Lifestyle wird nie breite Schichten erreichen, schon deshalb nicht, weil ihn sich nur wenige leisten können. Nur Bio zu kaufen, ist sehr teuer.

Sie halten Lohas sogar für egoistisch?

Zum Teil ist es paradox, wenn der Lohas Armut und Hunger in der Dritten Welt beklagt, aber die Augen vor sozialen Problemen im eigenen Land verschließt. Dem Lohas geht es mit seinem Konsum vor allem um ein individuelles Wohlgefühl. Die Bedürfnisse eines Kunden sind aber nicht deckungsgleich mit den Problemen der Welt. Außerdem dient dem Lohas sein Einkaufsverhalten auch zur Abgrenzung von anderen, vor allem ärmeren Schichten, die „den Plastikschrott“ kaufen. Das ist ziemlich überheblich, weil eben viele Menschen sich teure Produkte nicht leisten können.

Die Lohas werfen den Unterschichten also eine umweltfeindliche Lebensweise vor?

Indirekt ja. Es wird geschimpft auf Menschen, die Burger und Fritten essen anstatt Bio zu kaufen. Dabei leben arme Menschen in der Regel deutlich umweltfreundlicher als Lohas, zumindest was die Klimabilanz angeht. Sie haben kleinere Wohnungen, haben höchstens ein kleines Auto. Und sie fliegen nicht wie der Lohas im Urlaub in ein Ökoressort in Südostasien.

Wie sollten die Bürger denn darauf reagieren, alternativ zum Biokonsum?

Man muss sich bewusst machen, dass man als Bürger mehr Macht hat als als Konsument. Man muss sich engagieren, demonstrieren und vielleicht eine Bürgerinitiative gründen. Man muss sich, im übertragenen Sinne, wieder an Bäume ketten. Das macht die Welt besser. Und übrigens macht es auch große Freude. Sich gemeinsam mit anderen für eine Sache zu engagieren und zu kämpfen, ist ein sehr schönes Gefühl. Und auch, wenn man nicht sofort mit seinem Anliegen Erfolg hat, ist es ein Gewinn für einen selbst und die Gesellschaft.

„Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“, 16,95 Euro