• 11. März 2010
  • Ausgabe 10/2010
  • von Ortwin Löwa

Offensive gegen den Plastik-Müll

Mit der eindrucksvollen Dokumentation „Plastic-Planet“ reist man rund um den Globus und entdeckt eine Welt, die ohne Plastik nicht mehr existieren kann, die aber gleichzeitig mit den Problemen und Risiken dieser Kunststoffe zu kämpfen hat.

Für die chemische Industrie ist die Herstellung von Plastik auf den ersten Blick eine scheinbar unkomplizierte
Bastelarbeit im Bereich der Kohlenwasserstoffe. Im Prinzip wird Rohbenzin etwa in die Bestandteile Ethylen, Propylen, Butylen und andere Kohlenwasserstoffverbindungen zerlegt und wieder zusammengesetzt. Bestimmte chemische Reaktionen und vor allem spezielle Beimischungen ergeben dann die schöne bunte Plastikwelt, die mittlerweile unsere Erde derartig prägt, dass sie an der Fülle der auf den ersten Blick so praktischen Produkte zu ersticken droht und vor allem dabei ist, den Menschen zu vergiften.

Eine technisch effektvolle Spielerei wurde zum Menetekel. So funktionieren heute Erfindungen, deren Vermarktung vor allem dem schönen Schein und nicht dem harten Kern folgt. Der österreichische Dokumentarfilmer Werner Boote beginnt seine Offensive gegen die Plastikindustrie folgerichtig und vor allem didaktisch geschickt mit Schmalfilmbildern aus der eigenen Kindheit, in denen er Plastikspielsachen bewundert. Geschenke seines Großvaters, der in den 1960er Jahren Geschäftsführer der deutschen Interplastik-Werke war.

Damals wurden in Europa fünf Millionen Tonnen Plastik im Jahr produziert, heute sind es 60 Millionen. Das ist allerdings nur ein Viertel der Weltproduktion. Die Gesamtmenge an Kunststoff, die in den letzten 100 Jahren produziert wurde, so meint John Taylor, der Präsident der europäischen Kunststofferzeuger, sozusagen mit ironischem Stolz, würde reichen, den Globus sechs Mal einzupacken.

Unternehmerisch gesehen, so zeigt es Boote, hat diese Großspurigkeit durchaus ihren Grund. Wir leben in einem Plastikalltag, in dem Babys an Plastikschnullern nuckeln, die Hausfrau beschwingt das Tupperware-Loblied trällert, überhaupt Wohnungen ein Plastikparadies sind und in den Supermarktregalen das bequeme Verpackungsmaterial die Regel ist. Eine Milliardenindustrie mit einer Million Beschäftigten allein in Europa. Selbst Fußbälle sind aus Plastik. Da wirkt der Kritiker als weltfremder Meckerer.

Werner Boote versucht es trotzdem. Stellt sich im Stil von Michael Moore mit einem Megafon in einen Supermarkt, rückt Verantwortlichen hartnäckig auf die Pelle, befragt Experten, zeigt verstörende Bilder. Geht jedoch nicht so schnodderig vor wie Moore, sondern hat harte Fakten und schockierende Bilder auf seiner Seite.

Zum Beispiel Müllhalden in der Dritten Welt mit Plastikmüll, der dort auf Jahrzehnte die Umwelt verschmutzt. 120 Lastwagen mit Strand-Abfall beluden Studenten an einem Tag in Japan. Das verweist auf ein ökologisches Drama der Ozeane. Inzwischen gibt es dort 60 Mal mehr Plastik als Plankton, das von Fischen und Vögeln mit tödlichen Folgen gefressen wird.

Ist das noch nicht erschrec-kend genug, so sollte die Grundfrage des Films unser möglicherweise noch positives Verhältnis zu Plastik entscheidend erschüttern. Welche Beimischungen enthalten die bunten Produkte? Die Industrie hält die Informationen geheim. Ein Stoff jedoch, der sich aus Plastikflaschen lösen kann, lässt allerdings aufhorchen: Bisphenol A, ein krebserregender Hormonverstärker. 40 Zuschauer haben eine Blutprobe im vergangenen Jahr nach der Filmpremiere in Österreich vom Wiener Umweltbundesamt testen lassen. Man wurde fündig. Alles unterhalb der Grenzwerte, meint die Industrie. Aber die alte Frage auch hier: Gibt es für Schadstoffe überhaupt andere Grenzen als den Profit?


Film: „Plastic-Planet“
in den Kinos. – Auch als Buch bei Orange Press erhältlich: „Plastic Planet: Die dunkle Seite der Kunststoffe“; www.Orange-press.com