Alles, was dem Leben Dauer verleiht, ist dem Menschen willkommen. Darum gibt es religiöse Riten, darum gibt es Medikamente, darum gibt es – Plastik. Der Kunststoff hat zwar im Laufe der Energiekrise zeitweise sein Image als Garant von Zukunft eingebüßt. Aber allen „Jute statt Plastik“-Unkenrufen zum Trotz erfreut sich der Werkstoff einer breiten Zustimmung der Weltbevölkerung.
Plastik ist haltbar, Plastik ist kos-tengünstig, Plastik ist elastisch, flexibel, formbar, belastbar, nahezu unzerbrechlich, mittlerweile auch recyclebar. Dinge aus Plastik sind transportabel und stapelfähig, trotzen Wind und Wetter, Kälte und Hitze und können mühelos gereinigt werden. Kunststoffe sind noch dazu in der Lage, andere Werkstoffe zu imitieren: Von Seide bis Ton, von Holz bis Metall.
Noch besser: Sie können die Natur nahezu perfekt nachahmen. Die Zimmerpalme im Büro und die Narzissen auf dem Couchtisch – alles Plastik. Plastik ist irgendwie auch ein demokratischer Werkstoff, denn es ermöglicht einer Vielzahl von Menschen, an den in Massen gefertigten Dingen, die als handgefertigte Originale unbezahlbar wären, teilzuhaben. Fazit: Kunststoffe wie Polyester, Polyethylen, Polyamide oder Polyacrylate erleichtern das Leben und verleihen ihm die Aura von Dauerhaftigkeit.
Doch der Mensch ahnt, dass Plas-tik nicht nur eine Verheißung vermittelt, sondern als Imitiation auch eine Lüge in sich trägt. Plastik ist dauerhaft haltbar, aber auch nur ein Werkstoff, der vermeintlich ewig währt.
Die Verbindung Mensch und Plas-tik, bzw. Polymere ist alt. Schon der Neandertaler soll einen polymeren Klebstoff aus destillierten Birkenrinden hergestellt haben, um seine Äxte oder Beile zu festigen.
Der bisherige Höhepunkt dieser zweifelhaften Verbindung oder organischen Verkettung von Mensch und Plastik sind die plastinierten Leichen eines Gunther von Hagens. Alles, was dem Leben Dauer verleiht, ist dem Menschen willkommen. Und sei es um den Preis der Menschenwürde.
Doch ist Plastik nur eine billige Anleihe an der Ewigkeit. Und das ist wohl auch das Hauptproblem dieses Werkstoffs: Er ist nicht nur billig und am Ende wertlos. Er ist ein Ersatz für etwas anderes, Werthaltiges, das eigentlich Zeit braucht und seinen Wert gerade dadurch erhält, dass es oft einmalig und zerbrechlich, endlich und unwiederbringlich ist.
Die Möglichkeit, Dinge eben mal schnell aus der Formgussmaschine oder der Stanze zu holen, widerspricht der Vorstellung des Menschen, das alles, was einen Wert darstellen soll, einzigartig und in einem längeren Prozess geschaffen und gereift sein muss. Genausowenig erfüllt Kunststoff des Menschen Wunsch nach Ewigkeit – denn der Mensch überlebt seine Kunststoff-Implantate in der Regel nicht.