Wer heute außerhalb der Kirche von Gott reden will, braucht Mut. Denn ein unhinterfragtes Wissen der Zeitgenossen um einen Schöpfer, Bewahrer und Erlöser kann man nicht mehr voraussetzen. Man muss wohl noch viel weiter gehen und sagen: Es ist viel weniger als ein Nicht-Wissen um Gott, das sich breitmacht – es ist eher ein allgemeines Desinteresse. Gott fällt einfach aus.
Nietzsche ließ vor 100 Jahre einen tollen, irre gewordenen Mann wenigstens noch mit einer Laterne in den Gassen nach Gott suchen. Damit wollte er auf das Ausfallen Gottes in der Welt hinweisen. Hat sich das Bild mittlerweile völlig überlebt, weil der Ausfall Gottes aus der Welt niemanden mehr zu betreffen scheint?
Vielleicht muss man nur das Bild wandeln, um mit seiner Gottsuche wieder „up to date“ zu sein: Nietzsche würde seinen tollen Mann heute mit elektronischem Hör-Rohr, mit akustischem Equipment ausstatten. Worauf der neuzeitliche Mensch reagiert, das sind akustische Reize. Will ein Gott im Zeitalter von i-pod 4 mithalten, so wird er sich gegen das allgegenwärtige Multimedia-Konzert durchsetzen müssen. Gut ist, was laut ist und schrill auf sich aufmerksam zu machen vermag. Wo ein Gott spräche, da hätte keiner mehr etwas zu sagen. Seiner donnernden Stimme würde man folgen. Sie würde man nicht mehr bloß in Dezibel messen. Es ginge um neue Superlative.
Vielleicht verbirgt sich aber hinter der allgemeinen Sucht nach akustischen Reizen noch etwas ganz anderes. Steht dahinter vielleicht das eigentliche Bedürfnis, liebevoll angesprochen zu werden? Aber so einfach scheint das gar nicht zu sein, sich ansprechen zu lassen. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sich auf jemanden einzulassen.
Zeiten ändern sich zwar, aber die menschlichen Bedürfnisse bleiben. Und es scheint bereits in biblischen Zeiten einfacher gewesen zu sein, sich einem Gott zu öffnen, der unter Blitz und Donner seine Gebote auf dem Berg Sinai erlässt (2. Mose 20). Sein donnerndes: „Ich bin der Herr“ imponiert, und es kommt dem menschlichen Bedürfnis nach Spektakulärem entgegen. Mit diesem Bild des mächtigen Gottes lässt sich auch vor anderen Völkern Staat machen. Hierher gehören auch wunderbare Erscheinungen Gottes wie die seiner Selbstvorstellung aus dem brennenden Dornbusch: Bis hierhin und nicht weiter, Mose. „Zieh deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ (2. Mose 3, Vers 5).
Auch wenn sich mit den Geboten eines solchen mächtigen Imperators weiter donnern lässt, so täuscht das Bild doch im Kern: Bilder von donnernden und spektakulär auftretenden Menschen tragen nicht weit, und mit Göttern verhält es sich nicht anders.
Der Gott, der sich im Verlaufe der israelitischen Geschichte durchsetzt, ist der Gott, der seine Geschöpfe anspricht und ihnen dadurch eine Geschichte verheißt: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“ (1. Mose 12, Vers 2 ). So verheißt es Jahwe dem Abraham. Es sind die sanften Töne, die Segenstöne, mit denen er sich immer wieder neu als der ganz andere Gott bekannt macht. Als wollte Gott sagen: ich habe eingesehen, dass mit donnernden Tönen und scharfen Gesetzen bei diesen Menschen nichts zu erreichen ist.
Hier übernimmt Gott sogar selbst die Verantwortung für das Gelingen dieser Beziehung, indem er den Menschen sein Gesetz ins Herz schreibt (Jeremia 31, Vers 33).
Den biblischen Schriftstellern ist es immer wieder wichtig, die völlige Durchkreuzung unserer Gottesvorstellungen vor Augen zu führen: Der Prophet Elia läuft einem Phantom hinterher, als er seinen Gott im Sturm sucht. Er wird ihn schließlich ganz woanders finden – im sanften Säuseln des Windes (1.Könige 19, Vers 11).
Die Menschen des Alten Testamentes finden Gott dort, wo die normalen Wege des Begreifens abgebrochen sind. Wo keiner mehr mit einem spricht. Wo keiner mehr einen verstehen kann. Wo man ganz bei sich ist. Aus dieser Stille heraus, der Klage, erwächst ihnen ein Sensorium für die Stille Gottes, die dann beredt ist: „Sei stille dem Herrn und warte auf ihn“ (Psalm 37, Vers 7). Erst im Abstand von Getöse und Stimmenwirrwar entsteht der Raum, den Gott braucht, um in die Bedürfnisse des Menschen hinein zu reden.
Der Rückzug in die Stille ist nötig, um hören zu können, was gerade jetzt für einen „dran“ ist. In die Lehre gehen kann man dabei bei keinem Geringeren als bei Jesus selbst. Wenn es darum geht, neue Impulse für seinen wichtigen Auftrag zu bekommen, zieht er sich von den Menschen zurück in die Stille. Die Entscheidung seines Lebens, seinen Tod am Kreuz zu bejahen, trifft Jesus in der Stille des Gebets, nachts im Garten Gethsemane (Markus 14, Verse 32-42).
Orte der Stille zu finden - das hat etwas zu tun mit der Gesundung unübersichtlicher Verhältnisse, die der Ordnung bedürfen. Eine Ordnung, von der aus neu geschaut werden kann, wie es weitergeht. Der Sabbattag bot den Israeliten genau das: frei zu werden vom Geschrei und der Rute der Menschen. Es war Zeit da zum Wahrnehmen und zum Hinhören auf Andere.
Um Gott zu Wort kommen zu lassen, müssten vielleicht Räume geschaffen werden, in denen glaubhaft wird, dass man als Mensch in seinem ganzen Sein ernst genommen wird. Vielleicht entstehen dann wieder mehr der Mut und die Bereitschaft, auf das beredte Schweigen Gottes zu hören.