Hamburg – „Die sind ja noch so klein, die bekommen noch nichts mit“, lautete eine der verhängnisvollsten Fehleinschätzungen frühkindlicher Entwicklung früherer Zeiten, die besagte: In den ersten Lebensjahren „stecken“ Kinder alles „weg“, was an Bildern, Eindrücken und Erlebnissen auf sie einwirkt. Das Gegenteil ist der Fall.
Die frühkindliche Phase, sogar die Zeit vor der Geburt, ist prägend für die Persönlichkeit des Menschen. In dieser „vorbewussten“ Zeit ist das heranwachsende Wesen seinem Erleben schutzlos ausgeliefert und bedarf der besonderen Fürsorge der Erwachsenen.
Geradezu fatal wirkte sich der „Erziehungsirrtum“ früherer Jahrzehnte für die Kriegskinder des Zweiten Weltkrieges aus. Sie wurden mit ihrem schrecklichen Erleben alleine gelassen. Die Erfahrungen von Tod, Gewalt, Flucht, Vertreibung, Bombenangriffen, Abwesenheit der Väter, Angst und Sorge der Mütter um ihre Ehemänner mussten die Kinder tief in sich begraben und ließen sie erstarren. „Niemand erklärte ihnen, was warum geschehen war – ihre Kraft war aufs pure Überleben gerichtet“, sagte Hauptpastorin und Pröpstin Ulrike Murmann in ihrer Predigt bei einem „Gottesdienst für ehemalige Kriegskinder“ („Der Trauer Raum geben“) in der Hauptkirche St. Katharinen, der in Zusammenarbeit mit dem Hospiz „Leuchtfeuer“ abgehalten wurde. Er erinnerte auch an die verheerenden Bombenangriffe auf Hamburg in den letzten Julitagen des Jahres 1943 („Operation Gomorrha“), bei denen 45 000 Menschen starben: „Was mussten die Kinder damals ertragen? Was mussten sie mit ansehen? Was bedeutete dieser Schrecken für eine Kinderseele“, fragte Ulrike Murmann.
Die Traumatisierungen der Kriegskinder wurden – nicht zuletzt von ihnen selbst – jahrzehntelang geleugnet, verdrängt und mit einem Schweigegebot belegt. Die Ängste um Menschen, die sie liebten, die Erfahrungen von Verlust, Gewalt, Tod, die „Bilder von verkohlten Menschen“ wurden ins Unbewusste verdrängt. Sie wirkten jedoch prägend für das Leben der Kriegskinder und -enkel. Sie werden unbewusst von Generation zu Generation weitergegeben.
Erst in jüngster Zeit wurden die Traumatisierungen und ihre Auswirkungen erkannt und auch von Betroffenen als Teil ihres Lebens begriffen. Die Journalistin Sabine Bode erforschte in Interviews die seelischen Verletzungen der ehemaligen Kriegskinder, die heute das Seniorenalter erreicht haben. In ihren Büchern („Die vergessene Generation“, „Kriegsenkel“ und „Die deutsche Krankheit – German Angst“) folgert sie sogar, dass die kollektiven Ängs-te aus der Vergangenheit Ursache für eine „Atmosphäre der Verunsicherung und Lähmung“ sowie der „viel zu geringen Eigeninitiative in Deutschland“ seien.
Im Gottesdienst in St. Katharinen, der vorwiegend von der Generation ehemaliger Kriegskinder besucht wurde, sagte die Hauptpastorin: Als Seelsorgerin habe sie die Erfahrung gemacht, dass „Gespräche über diese Jahre etwas Befreiendes“ für die Betroffenen haben. Sie begrüßte die Abkehr vom „Schweigegebot“ der heute Ende 60- und 70-Jährigen. Anstelle „großer Reden“ in Gedenkfeiern bedürfe es nun „stiller Rituale“ der Trauer und Orte, an denen „zugelassen werden kann, welche Seiten meines Wesens Trost brauchen“.
Die Gewissheit, dass man beim Erinnern und dem notwendigen Weg zurück in die Kindheit begleitet werde vom „Geist Jesu“, berge die „beruhigende Verheißung“, dass „ich nicht verloren gehen werde“. Eine „gute Trauer“, so die Hauptpastorin, könne ein „Weg sein zur inneren Stärke“.